Was uns Probleme macht

Toxische Männlichkeit

ÜBER VORBILDER DIE UNS PROBLEME MACHEN
Die toxische Männlichkeit ist wohl für keinen mehr ein Fremdwort. Leider wird sie häufig etwas falsch verstanden. In diesem Beitrag sehen wir uns an was sie genau bedeutet und warum sie ein grosses Problem für die männliche Sexualität und die zwischengeschlechtlichen Beziehungen ist.
Vikinger

WEICHEI ODER MACHO?

Wie viel Mann darf es heute noch sein? Diese Frage beschäftigt mittlerweile viele von uns Männern. In der Zeit von #metoo und dem umstrittenen Vaterschaftsurlaub hier in der Schweiz, ist diese Thematik aktueller als je zuvor. Trotz hoher Medienpräsenz wird die Wurzel des Übels selten direkt angesprochen. Um eines klar vorwegzunehmen, sexuelle Übergriffe, egal in welcher Form sind nicht in Ordnung. Egal von welchem Geschlecht sie ausgehen.

Sehen wir uns aber mal genauer an warum wir Männer die “Grabscher” sind und warum dies nicht nur zu Problemen in den zwischenmenschlichen Beziehungen führt, sondern uns auch viele Psychische Probleme bereitet. 

Jeder von uns hat diverse Sprüche in seiner Jugend eingeimpft bekommen. Ob dies der Papa, der Opa ein Lehrer oder eine andere Autoritätsperson in unserem Umfeld gewesen ist. Sei ein Mann! Hab dich nicht so! Reiss dich zusammen! Männer weinen nicht! Ein ganzer Kerl! Sei kein Weichei! Bestimmt zucken einige der Leser noch immer innerlich zusammen wenn sie diese subtilen Drohungen hören. Automatisch bauen wir härte in uns auf. Wir richten uns auf und machen unsere Schultern breiter. Die Stimme wird justiert und fällt um mindestens einen halben Ton tiefer aus, als was wir normalerweise von uns geben. Wir passen uns an. Getrieben wird diese Reaktion von Angst. Angst einem Ideal nicht zu entsprechen welches uns von unserem Umfeld in frühster Jugend vorgelebt und eingeimpft wurde. Männer sind hart, erfolgreich, emotionslos und holen sich was sie brauchen, falls nötig auch mit ein wenig Muskeleinsatz. Frauen sind das “schwache” Geschlecht und müssen von uns beschützt und zugleich erobert werden.

Die Konsequenz für ein nicht konformes Verhalten ist im Normalfall die Ablehnung der Artgenossen. Entsprechen wir nicht dem Idealbild des Mannes werden wir automatisch als nicht voll und würdig angesehen. Man schiebt uns also in das andere, “schwache” lager der Weiblichkeit. Da wir aber dennoch mit einem Penis und anderen eindeutig männlichen Attributen ausgestattet sind, wird ein nicht “ganzer Kerl” zusätzlich noch gerne in die “du bist doch Schwul” Kategorie gepresst. In diese Kategorie will kein “echter” Mann gepresst werden, da dies mit Scham, Ausgrenzung und Spot verbunden ist. Kein Wunder also, dass der Grossteil der Männer noch eine Portion mehr Härte hinlegen als in den meisten Fällen nötig wäre, gerade in Situationen wo an der Männlichkeit gezweifelt werden könnte. Dies ist zumindest unsere Wahrnehmung der äusseren Handlungsmuster.

Sehen wir uns das ganze von der Emotionalen Seite an, so wird deutlich das Männer pausenlos unter Druck stehen, nicht ganz so idealen und Zeitgemässen Vorbildern zu entsprechen. Gefühle, Wünsche, Fantasien und Träume werden unterdrückt. Das Verhalten wird angepasst und das Nervensystem scannt pausenlos nach möglichen gefährlichen Situationen.

Kann ich meinen Kumpels gestehen, dass ich Klassische Musik mag? Kann ich diesen roten Pullover wirklich anziehen? Fluche ich genug? Eigentlich finde ich diesen dreckigen Witz ätzend aber wenn ich nicht lache kommt das bestimmt nicht gut an. Die Beispiele sind endlos.

Selbstverständlich wirkt sich dieses angepasste Verhalten auch im Bereich unserer Sexualität aus. Wohl kein anderer Bereich wird so stark mit Männlichkeit und Weiblichkeit in Verbindung gebracht wie unser Sexleben. Die Rollen sind so eindeutig verteilt, dass jede Abweichung fast schon strafbar scheint. 

Was bedeutet es wenn ich gerne mit meinen Brustwarzen spiele? Ich habe Fantasien mich Anal zu verwöhnen. Ist dass den normal? Bin ich schwul? Lauter Fragen die zugleich unsere ganze Identität als Mann auf den Kopf stellen können. Kein wunder entstehen hier Komplexe und Ängste die unser Leben als Mann stark beeinflussen. Wir sind somit weit weniger selbstbestimmt und offen unterwegs als das wir gerne von uns glauben würden. Wo bleibt hier jedoch die Diversität und die Leichtigkeit welche ein saftiges und lebendiges Leben ausmachen? Wo bleibt die Möglichkeit einer breiten, ungehemmten und lustvollen Sexualität?

Das paradoxe an der ganzen Thematik ist, dass wir als Männer einen integralen Bestandteil unseres seins, verleugnen müssen oder sollen, damit wir gesellschaftsfähig sind und in der Rolle Mann erfolgreich sind. Wir werden dazu aufgefordert unsere weibliche Seite zu unterdrücken, zu ignorieren oder gar zu leugnen. Geht man das Ganze eher wissenschaftlich als emotional an, so ist es eine Tatsache, dass wir unser Erbgut von beiden Elternteilen vererbt bekommen. 50% von der Mutter und 50% von unserem Vater. Somit ist es logisch das wir entsprechende weibliche Teile in uns tragen. Auch genetisch gesehen beinhaltet unsere Chromosomen neben dem alles entscheidenden Y Chromosom das unser männliches Geschlecht definiert, auch ein X Chromosom welches bei Frauen gleich doppelt vorkommt. Seine weiblichen Seiten verleugnen zu wollen ist somit, schlicht und einfach ein Widerspruch gegen die Natur was weder Gesund noch wirklich angenehm ist.

Der Schlüssel liegt darin seine weibliche Seite nicht als Schwäche zu sehen, sondern als Stärke. Das Verständnis der Polaritäten zwischen den Geschlechtern gibt uns mehr Einsicht in die unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten die uns zur Verfügung steht, um unser Leben in seiner ganzen Pracht geniessen zu können. 

Zur Zeugung benötigt es beide Geschlechter somit ist auch hier wieder der Fall klar. Einem Geschlecht mehr Bedeutung und Kraft geben zu wollen scheint unter diesem Gesichtspunkt noch absurder. Warum dies dennoch geschieht liegt tief verwurzelt in soziokulturellen Hintergründen die mit Machtverteilung und dem Fortbestand von Erblinien zu tun hat. Diese veralteten Systeme aufrecht zu erhalten schadet nicht nur uns Menschen als Individuen, sondern auch unserer Entwicklung als Menschheit. 

Wichtig bei der Behandlung dieser Thematik ist jedoch weniger die Angleichung der Geschlechter sondern viel mehr ein besseres Verständnis und Respekt der beiden Seiten. Die Polarität der Geschlechter ist notwendig um die notwendige Anziehungskraft zu erzeugen die wiederum das erotische Spiel als Folge mit sich zieht. Hier reden wir explizit von den Vorgängen innerhalb einer Heterosexuellen Paarung. Wie sich Polarität in anderen Konstellationen entwickelt sehen wir uns in einem anderen Beitrag an.

Neben den bereits beschriebenen Problemen welche ein toxisches Männerbild mit sich bringen kann, ist die Tendenz der Angleichung der Geschlechter ebenso problematisch. Gerade weil die notwendige Polarität in gewissen Beziehungen zu wenig vorhanden ist. Womit der erotische Reiz ausbleibt und die Beziehung zu wenig Spannung für Sex zu Gunsten einer harmonischen Beziehung aufbringt. Gerne wird dem betroffenen, angepassten Mann dann vorgeworfen ein Weichei oder ein Muttersöhnchen zu sein.

Mit anderen Worten, scheint es fast so, dass wir als Männer immer die “Arschkarte” ziehen. Gerade aus diesem Grund ist es Aufgabe beider Geschlechter die Männlichkeit und die Weiblichkeit für sich zu verstehen, zu integrieren und zu geniessen. Gerne verwende ich bei mir in der Praxis den Begriff des liebevollen Kriegers und der liebevollen Amazone. Wir sind vielseitige, einzigartige Lebewesen. Dies zu ignorieren ist nicht nur langweilig und limitierend, sondern grundsätzlich falsch. Somit sollte sich kein Mann seiner männlich aggressiven (im Positiven Sinne) Seite schämen, solange er dies auf respektvolle und kontrollierte Art und Weise tut. Ebenso sollte sich jede Frau ihrer Weiblichkeit voll bewusst sein ohne den Eindruck haben zu müssen als Moderne Frau eher maskuline Attribute adoptieren zu müssen. Auch Frauen haben an einem toxischen Ideal zu kämpfen. Das sollte an dieser Stelle auch noch erwähnt werden.

Starke Persönlichkeiten, sind sich ihrer Dualität durchaus bewusst. Sie erlangen ihre Stärke gerade in diesem Bewusstsein auf all ihre Facetten als Mensch zurückgreifen zu können. Diese Erkenntnis vermittelt eine Sicherheit die sich auf die Ausstrahlung auswirkt. Selbstsichere Menschen wirken auf uns im Allgemeinen attraktiver und sind somit häufig erfolgreich im erotischen Tanz. 

Als letzten Aspekt sehen wir uns noch die Frage der Authentizität an. Um einem Ideal zu entsprechen welches wider unserer Natur ist, benötigen wir viel Energie. Dieser Energieaufwand raubt uns nicht nur viel Kraft, sondern lässt uns auch Dinge tun welche uns nicht entsprechen. Diese Handlungen sind erzwungen und werden häufig auch als nicht authentisch wahrgenommen. Wenn wir uns die Wirkung von nicht authentisch handelnden Personen im erotischen Spiel ansehen, so wissen wir aus eigener Erfahrung, dass diese Menschen nicht wirklich gut ankommen. Unsere Instinkte schalten sich ein und wir sind meistens misstrauisch wenn uns eine “unechte” Person anbaggert.  

Somit haben wir wirklich viele Gründe an unserem Männerbild zu arbeiten und frieden zu schliessen mit Vorurteilen und Idealen die uns das Leben eher schwer machen. Es gibt mittlerweile auch viel Unterstützung in diesem Bereich. Zahlreiche Männergruppen bieten Retreats und Kurse an, welche einem dabei helfen, sowohl den liebevollen Krieger zu entdecken als auch die liebevolle Amazone zu akzeptieren und zu respektieren. Im unteren Bereich des Beitrags, publiziere ich ein paar Links zu bekannten Anbietern. Gerne arbeite ich auch mit meinen Klienten an diesen Themen. Bei Fragen stehe ich wie immer zur Verfügung.

Sexualität bei Säuglingen

Eltern und Erziehung

Unser erstes Männerbild ist normalerweise der eigene Vater. Wir nehmen dies gern als ideales Vorbild und versuchen dem zu entsprechen. Gerade aus diesem Grund ist es so wichtig, das Väter darauf achten, was sie ihren Söhnen vorleben. 

Fussballspielender Junge

Kindheit

In der Kindheit beginnen wir uns mit anderen Jungs auf spielerische Weise zu messen. Das Kräfte messen ist in einem gesunden Umfeld weder problematisch, noch sollte es verhindert werden. Im Spiel wird der Einsatz von Kraft und die notwendige Kontrolle gelernt. Wird Jungen diese Möglichkeit genommen, so entsteht häufig eine Furcht vor der eigenen, positiven Kraft und ein natürlicher Zugang zu dieser männlichen Seite wird erschwert.

Die Punk-Phase

Identität mit Gruppen

Im Teenage Alter wird es immer wichtiger einer Gruppe anzugehören. Wir Menschen brauchen dieses Gefühl der Zugehörigkeit. Die Art der Gruppe diktiert uns wieder gewisse Verhaltensmuster denen wir uns anpassen um dazu zu gehören. Gerade hier ist es wichtig das angestrebte Ideal genau unter die Lupe zu nehmen und die Intensität der eigenen Identifikation zu überdenken. Mit anderen Worten, wo bleibt die eigene Identität und die Entwicklung eines differenzierten Charakters.

Mann in der flower power Phase

Differenzierung

Je nach Erfahrungswerten und teilweise auch der eigenen Bildung, beginnt sich das Verhalten zu verändern. Die Gruppe wird weniger wichtig und die eigene Identität kann durch eine erreichte Eigenständigkeit gestärkt und differenziert werden. Dies geschieht häufig leider erst im reiferen Alter oder nach einschneidenden Erlebnissen.

Fazit

Ein toxisches Männerbild schadet als erstes uns Männern, da wir direkt oder indirekt dazu gezwungen werden unsere Diversität als Menschen zu unterdrücken. Unser Geschlecht definiert uns nicht als Menschen, da wir sowohl männliche als auch weibliche Aspekte in uns tragen. Dies als Potential und nicht als Last zu verstehen, gibt uns eine Vielfalt an Möglichkeiten unser Leben und unsere Sexualität breiter und intensiver zu leben. 

Investieren wir unsere Energie in ein authentisches Leben ohne den pausenlosen Druck einem Ideal zu entsprechen, so verändert das unser Selbstwertgefühl und somit unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. 

Selbst-Evaluation

  1. Habe ich ein konkretes Männerbild, Ideal?
  2. Wie sieht mein Ideal aus?
  3. Habe ich konkrete Vorstellungen über was männlich und was weiblich ist?
  4. Was halte ich von der Idee auch weibliche Seiten zu besitzen?
  5. Habe ich einen guten Zugang zu meiner weiblichen Seite?
  6. Kann ich solche Qualitäten nennen?
  7. Habe ich einen guten Zugang zu meiner männlichen Seite?
  8. Wie stehe ich zu körperlicher Kraft?
  9. Wie fühle ich mich in männlicher Gesellschaft?
  10. Verändere ich mein Verhalten in einer Männergruppe?
  11. Wie fühle ich mich in weiblicher Gesellschaft?
  12. Verändere ich mein Verhalten in einer weiblichen Gruppe?
  13. Behindert mich mein Vorbild in gewissen Dingen?
  14. Gibt es Dinge die ich gerne tun würde aber diese als nicht passend für mein Geschlecht empfinde?
  15. Wie stark beeinflusst mich mein Männerbild im Ausleben meiner Sexualität?

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